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Leseprobe aus der Anthologie »Mordlust«

Achim Wagner

X


Malcolm X als Junge; Kapuzenmänner, Mitglieder des Klu-Klux-Klans stecken das Haus seiner Familie in Brand. Malcolms Vater – ein Prediger – tritt mit einer Pistole vor die Tür ...
Santo Domingo im Regen. Eine Nacht. Ein Hotel. Ein Zimmer. Ein halbvoller Aschenbecher. Das Geräusch der Klimaanlage. Judith und Martin.
Sie liegen auf dem Bett; Judiths Kopf auf Martins Brust. Ihre Finger zeichnen unsichtbare Linien auf seinen Bauch. Martin massiert Judiths Nacken.
»Glaubst du, das hier ist das Paradies?«, fragt sie, springt aus dem Bett, zieht ihr Kleid an und verlässt das Zimmer.
Martin hört sie lachen, hört, wie ihre Füße in den Pfützen auf dem Balkon tanzen; im TV spielt Denzel Washington für drei Stunden Malcolm X.
Malcolm X mit Koks. Malcolm X mit einer Pistole. Malcolm X im Knast. Malcolm X wird religiös. Malcolm X wird zu Malcolm X.
Black Muslim.
Judith rennt zurück ins Zimmer. Ein Windstoß folgt ihr in den Raum.
Die Brüste, der Bauch, die Beine heben sich unter dem nassen Kleid ab.
Sie beugt sich über Martin, schüttelt ihren Kopf mit den kurzgeschorenen schwarzen Haaren. Tropfen fallen auf sein Gesicht, die Brust. Er greift nach ihren Armen, zieht sie zu sich ins Bett.
Sie zieht sich das Kleid über die Schenkel, setzt sich auf ihn.
»Gib mir eine Zigarette!«
Sie raucht, während sie sich lieben; beobachtet ihre eigenen Bewegungen, beobachtet Martins Bewegungen; Asche auf Martins Brust, seinem Gesicht. Judiths Finger ziehen schwarze Striche auf seine Stirn, über die Wangen, Blitze.
Ihr Becken, ihre Schenkel bestimmen Tempo und Rhythmus, wie sie sich lieben, wie sie ihn liebt.
Martin sieht ihre Mundwinkel zucken: Judith kurz vor einem ersten Orgasmus. Er greift nach ihren Schultern, presst Judith auf sich, sie schreit, lacht, er lockert den Griff, sie reitet, schreit, reitet, schreit, schreit laut und lange.
Die Zigarette im letzten Drittel, Rauch aus Judiths Nasenlöchern. Sie steigt von ihm, drückt die Zigarette aus. Judith kniet sich, den Kopf auf der Decke: »Nimm meinen Arsch ...«

Erschöpft lässt sich Martin rücklings fallen.
Judiths Hände umfassen seinen Kopf, sanft, wie den eines Kindes. Sie küsst ihn, streichelt ihn.
Judith trinkt Wasser, zwei kleine Bäche rinnen aus ihren Mundwinkeln über das Kinn, den Hals. Ein schwarzer Panter im Sprung, tätowiert über ihrer linken Brust. Sie blickt zum Balkon: »Manchmal ist es hier wie in einem Gefängnis. Und das Meer ist der Wärter«, flüstert die Kreolin.
Santo Domingo im Regen. Das Geräusch der Klimaanlage. Judith mit Zigarette. Denzel Washington spielt Malcolm X.
»Ich glaube an kein Paradies«, sagt Martin. »Zumindest an keines, das von Dauer ist.«
Judith nickt: »Nichts ist von Dauer. Das hat auch etwas Beruhigendes. Wenigstens für mich.«
Sie legt ihre Stirn auf seine.
»Manchmal träume ich davon, einfach über das Meer laufen zu können.«
Wiederholte Sequenz: die Ermordung von Malcolms Vater. Ein geschlagener Körper auf Gleisen, die Scheinwerfer des Zuges.
Judith zieht Rauch ein. Sie liegt auf dem Rücken, die Beine ausgetreckt. Martin legt ein Kissen unter ihren Kopf; küsst Judiths Schläfen.
Malcolm X predigt. Laut, eindringlich.
Judith setzt sich auf, starrt auf den Bildschirm, schüttelt den Kopf.
»Ich kann sie nicht ausstehen, diese Ideologen, Fanatiker. Sie reden und reden und reden und reden und belehren.«
Judith zieht das Kleid aus, steht auf und geht zur Toilette.
Martin hört das Plätschern ihres Urins, das Rauschen der Toilettenspülung.
Judith kramt in Martins Sachen, streift sich T-Shirts und Shorts über, betrachtet sich im Spiegel, die Hände in die Hüften gestemmt. Langsam spreizen sich ihre Beine, rutschen die Füße auseinander, bis sie im Spagat auf dem Boden sitzt.
»Ich werde für dich tanzen«, sagt sie, und Martin weiß nicht, ob sie zu ihrem eigenen Spiegelbild spricht oder zu ihm.
Judith rollt sich zur Seite, klatscht in die Hände. Rhythmisch, schnell. Steht wieder auf. Ihre Lippen summen eine einfache Melodie. Sie dreht Pirouetten, wiegt die Hüften, folgt ihrem selbst vorgegebenen Takt.
Malcolm X überwirft sich mit seinen einstigen Weggefährten und verlässt die Organisation of Black Muslims. Er pilgert nach Mekka. Bilder von der Reise. Denzel Washington. Das nahende Ende.
Sie liegen auf dem Bett. Ihr Kopf an seiner Schulter. Sie blickt hoch:
»Nichts ist da draußen, bis auf das Wasser. Hörst du, wie es fällt? Die Welt gibt es noch nicht, sie wird jetzt erst geboren!«
Judith betrachtet Martins Penis, zieht an der Vorhaut; wölbt ihre Lippen um den Penis, streichelt ihn mit der Zungenspitze, bis er in ihrem Mund wächst.
Malcolms letzte Rede.
In der ersten Reihe sitzt seine Frau mit den Kindern.
Schüsse. Schreie. Der schwarze Muslim stirbt.
Der Epilog: dokumentarisches Filmmaterial zeigt Aufnahmen von Malcolm X.

Judith kriecht unter die Decke. Martin schläft. Sie legt sich an Martins Rücken, schiebt ein Bein zwischen seine. Ihre Hände an seinem Hals. »Schlaf, mein wunderbarer Liebhaber«, haucht sie im ins Ohr, »schlaf!«.

Santo Domingo im Regen. Eine Nacht. Ein Hotel. Ein Zimmer. Ein Ermordeter. Ein voller Aschenbecher. Das Geräusch der Klimaanlage. Judith verlässt das Zimmer ...


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