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Regina Schleheck
Sonne auf der Hoteltapete
Ulrike ruft an: »Keine Ausrede. Du kommst mit.«
»Was soll ich da alleine? Ich hab kein Kostüm.«
»Egal. Wir holen dich um acht ab. Wir machen schon was aus dir.«
Seit sie mit Robert zusammen ist, meldet sie sich kaum noch. Vorher haben wir immer zu dritt Jauch geguckt: Ulrike, Martin und ich mit einer Packung Mon Chéri und einer Flasche Amselfelder. Sie trank nie mehr als zwei Gläser, weil sie ja noch fahren musste. Martin saß sabbernd im Rollstuhl und freute sich über die Scheinwerfer und den Jubel, wenn eine Antwort richtig war. Es ging uns um die Kandidaten. Wir waren auf der Suche nach einem Millionär mit ein bisschen Verstand. Dafür schien uns Jauch die richtige Adresse. Man hätte es auch mit Lotto versuchen können. Aber was hat man da für Chancen? Und Geld allein macht nicht glücklich. Natürlich wäre eine Privatpflege nicht schlecht. Mal ein ganz anderes Leben führen. Vielleicht würde sich dann auch ein Mann finden. Die Kandidaten kann man live gucken und ein bisschen träumen dabei. Jeder hat seine Träume vom Glück. »Glück, das ist die Sonne auf der Hoteltapete«, habe ich in einem Buch gelesen. Für mich ist Kandidatengucken bei Jauch eine Art Glück.
Dann hatte Ulrike keine Zeit mehr. Bis sie mit Robert rausrückte. Sie hatte ihn aus einem Inserat aus diesem Käseblättchen und mir keinen Ton davon erzählt. Einfach so und gleich geklappt, sagt sie. Bestimmt hatte sie es schon öfter versucht. Im Nachhinein sieht man alles kritischer. Warum hatte sie zuletzt von den Mon Chéri nichts mehr gegessen? Hat schon auf sich geachtet. Ich hab natürlich alles aufgegessen. Und jetzt guck ich mit Martin in die Röhre. Millionär ist Robert nicht. Und bei Jauch hätte der sicher keine Schnitte. Aber sie haben sich gefunden, das reicht ja.
Es ist längst nach acht, als es klingelt. Ulrike hat schon was getrunken. Zum Fahren hat sie ja jetzt jemand. Ich habe Martin schon um sieben seine Schlaftablette gegeben. Er schnarcht seit über einer Stunde in seinem Gitterbett, während ich auf heißen Kohlen sitze.
»Geht ihr mal alleine. Ich hab sowieso nix davon.«
»Jetzt sei nicht pampig. Das wird dir gut tun.« Ulrike kichert, als hätte sie mindestens drei Amselfelder intus. Sie hat mir ein Flamenco-Kleid mit Schärpe mitgebracht. Ich seh aus wie ein Flittchen.
»Sag ihr, dass sie umwerfend aussieht«, gibt sie Robert Stichwort.
Robert grinst. »Genau«, sagt er.
Ulrike setzt mir eine schwarze Perücke auf und malt mir die Augen schwarz, die Lippen knallrot.
In dem Ballsaal ist es schummrig und voll und rauchig.
»Komm!« Ulrike zieht Robert auf die Tanzfläche.
Ich halte mich an der Theke fest und wiege mich in den Hüften. Alle tanzen engumschlungen. Ich trinke Bier und gucke irgendwo hin, aber nicht zu sehr. Von Zeit zu Zeit sehe ich die beiden. Ulrike hat die Augen geschlossen, Robert winkt, wenn er mich sieht. Ich klammere mich ein bisschen fester an die Theke, weil ich schon vier Bier getrunken hab. Zweimal ohne Zahlen an der Klofrau vorbeigedrückt. Als ich nach dem sechsten Bier zur Toilette gehe, rempelt mich einer im Sträflingskostüm an, weil er noch an seinen Hosenschlitz fummelt.
»Ole, Senora!«, lacht er und fängt mich auf. »Der nächste Tanz gehört mir!«
Als ich herauskomme, steht er wirklich noch da und schiebt mich auf die Tanzfläche. Ein Blues. Mir ist schwindelig. Er legt die Arme um mich. Nach dem dritten Stück fangen die Hände an zu wandern und ich mache die Augen zu. Sein Atem ist angenehm und die Küsse kitzeln am Ohr und dann am Haaransatz und ein bisschen den Nacken runter. Ich schäme mich kein bisschen. Alle hier tun es. Ich hab seit fünfzehn Jahren nix mehr gehabt, seit Klaus’ Unfall. Seitdem bin ich mit dem Kind allein, das ja gar kein richtiges Kind mehr ist, sondern ein Pflegefall. Warum sollte ich mich schämen? Dann kommen Sinatra-Lieder und das Sträflingskostüm fühlt sich fast an wie Klaus. An der Bar erzählt er mir, dass er Rainer heißt. Er bestellt zwei Gläser Champagner und noch zwei. Dabei lässt er mich keine Sekunde los. Die Hand wandert immer weiter, fummelt am Rand der Schärpe entlang und sucht Wege unter das Kleid.
»Wo gehen wir hin?«, fragt er, als das zweite Glas leer ist.
»Ich muss bald nach Hause«, sage ich und bin fast wieder nüchtern.
»Dann sollten wir die Zeit nutzen«, raunt er mir ins Ohr. Sein Atem kitzelt.
Ulrike und Robert habe ich nicht mehr gesehen. Rainer zieht mich zur Garderobe. Erst als wir vor der Tür stehen und Rainer ein Taxi heranwinkt, frage ich, wohin.
»In mein Hotel«, lächelt er.
Während er dem Fahrer Bescheid sagt, suche ich den Gurt. Aber Rainer nimmt ihn mir aus der Hand. Wenn ich die Augen öffne, sehe ich die Blicke des Taxifahrers im Rückspiegel. So ist das also, mit einem wildfremden Mann in ein Hotel. Glück war doch etwas mit der Hoteltapete. Aber jetzt ist es Nacht.
Es ist das erste Hotel am Platze. Der Portier grüßt Rainer ehrerbietig. Ich stelle mich hinter ihn, als er an der Rezeption den Schlüssel verlangt.
»Bringen Sie uns bitte eine Flasche Champagner aufs Zimmer«, sagt Rainer und der Mann greift zum Hörer, während Rainer mich am Arm nimmt, zum Aufzug führt und mir die Tür aufhält. Er schließt das Zimmer auf, nimmt mir den Mantel ab und komplimentiert mich auf den Sessel, während er im Badezimmer verschwindet. Der Kellner kommt mit dem Champagner und gießt ihn in zwei Sektkelche. Rainer gibt ihm fünf Euro und schließt die Tür ab. Für einen Moment schnürt es mir die Kehle zu. Rainer lächelt und prostet mir zu. Ich nippe ein bisschen. Er nimmt mir das Glas aus der Hand, setzt es ab, nimmt mich auf den Arm, trägt mich auf das Bett, zieht mich aus und entkleidet sich selbst dabei Stück für Stück. Ich hab nie Geschichten um Sex gemacht. Das ist halt unsere Generation. Mit Klaus habe ich mich dran gewöhnt, und seit er tot ist, habe ich nichts vermisst. Rainer küsst an den richtigen Stellen, dann kommt er zur Sache, und als er fertig ist, greift er zum Telefon und bestellt ein Taxi. Dabei zündet er sich eine Zigarette an. Ich ziehe mich vor dem Spiegel an und beobachte ihn.
»Wie lange bleibst du hier?«, höre ich mich fragen.
»Morgen Mittag muss ich weg.« – Blick auf die Armbanduhr – »Nein, heute.« »Und dann? Wann bist du wieder hier?« Es klingt piepsig.
Amüsiertes Lächeln. »Nächsten Donnerstag. Hast du Zeit?«
»Ja.«
»Ich weiß nicht genau, wie lange es dauern wird. Um neun in der Lobby?«
Ich hab ein warmes Gefühl. Rainer geht zum Fenster und schiebt die Vorhänge auseinander. Die Leuchtreklame von gegenüber flackert auf der Hoteltapete.
»Taxi ist da«, sagt er.
Er küsst mich, geht mit zur Tür und schließt sie hinter mir ab.
Martin ist wach und muss gewickelt werden, als ich komme. Wenn ich ihm keine Schlaftablette gegeben hätte, wäre er noch eher gekommen. Ich wasche ihn und denke daran, wie es sein mag, neben Rainer aufzuwachen und die Sonne auf der Tapete zu sehen.
Die ganze Woche denke ich an nichts anderes.
Ulrike sage ich, ich hätte ein Taxi genommen.
Donnerstag dusche ich gründlich. Schminke mich. Ziehe das schwarze Kostüm von Klaus’ Beerdigung an. Martin gebe ich die doppelte Dosis Schlaftabletten. Um viertel vor neun bin ich in der Hotel-Lobby. Der Rezeptionist grüßt freundlich.
»Ich warte auf jemand«, sage ich.
Er bietet mir einen der Sessel an und ist sehr freundlich. Der Kollege, der ihn um Mitternacht ablöst, ist auch freundlich. Er fragt ein paar Mal, ob er ein Taxi bestellen soll, aber ich sage »Nein danke« und bleibe sitzen, bis ich die Sonne auf der Hoteltapete sehe. Dann gehe ich nach Hause.
Konnte ich ahnen, dass die doppelte Dosis tödlich war?
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