Storia Verlag
Startseite  Neues    Programm  Autoren   Verlag    Presseinfo Shop   Links   Kontakt










Leseprobe aus der Anthologie »Mordlust«

Andreas Gruber

Wir vom Sicherheitsdienst


Unser Arbeitskollege, mein kleiner Cousin Sammy, hatte einen be- sonderen Trick drauf, wenn er auf der Toilette, die sich in der Nische zwischen dem Bürotrakt und der Küche befand, die Klopapierrolle wechselte. Nicht nur, dass er die Rolle ständig so einlegte, dass das Papier an der Wandseite hinunterhing – wodurch sich der ganze Scheiß nicht mehr drehen ließ, was jeden von uns zur Weißglut trieb – er nervte uns auch noch mit einer ziemlich beschissenen Angewohnheit: Er riss den Karton der alten Rolle in der Mitte auseinander, strich ihn glatt und bastelte daraus Skulpturen. Das trieb uns in den Wahnsinn!
Überall traten wir auf seine Boote, Flieger oder Häuser, mit denen er die Korridore der Firma verschönerte. Danach waren seine Meisterwerke nur noch schwer als solche zu erkennen, vor allem wenn sie an der Unterseite der Stiefel klebten, doch produzierte Sammy ohnehin ständig neue. Sie glichen alles andere als japanischen Origami-Werken; damit wollte er diesem Fernost-Schwachsinn keineswegs Konkurrenz machen, sondern vielmehr, wie er es nannte, meditativ abschalten, um Energie zu tanken, wie auch immer das zu verstehen war.
Da wir vom Sicherheitsdienst der Deltacom Technologies rund um die Uhr eine Herzattacken-Situation nach der anderen zu bewältigen hatten, praktizierte jeder von uns eine andere Methode, um sich im Berufsalltag fit zu halten: Iko flirtete mit der Sekretärin des Chefs und kam zu seinem Kick, wenn er seine Pranke auf Sabrinas knackigen Arsch legte, Kriga gönnte sich bereits zum Frühstück an der Imbissbude ein Bier mit einer fetten Currywurst, die er während seiner Firmenrunde mit einer Riesenportion Senf vertilgte, Kalmann löste in der Mittagspause die Kreuzworträtsel der Pornozeitschriften, ich zerlegte und reinigte meine silberaluminiumglänzende Sig Sauer P226, 9mm und Sammy meditierte eben am Scheißhaus!
Eigentlich wollte ich Sammy bereits vor Jahren aus dem Team werfen, weil wir im Sicherheitsdienst nur raffinierte Burschen brauchen konnten, wie sich unser Chef ausdrückte, doch war Sammy ein Sonderfall: nicht nur, dass er mein Cousin war und mein Vater seinerzeit ein gutes Wort bei unserem Chef für ihn eingelegt hatte, Sammy war auch ein charakterloser, schleimiger ..., aber lassen wir das! Wozu sich unnötig aufregen? Das obligatorische »Chris-halt-den-Mund-Sammy-bleibt-im-Team-und-Basta!« meines Chefs, das er von Zeit zu Zeit vom Stapel ließ, war unumstößlich, da konnte ich mir den Mund fusselig reden und ihm Dutzende Gründe für ein schlagkräftigeres Sicherheitsteam aufzählen. Scheiß auf die Familienbande – wie sich Kriga bei unserer Firmenrunde auszudrücken pflegte – eines Tages legen wir die miese Ratte bei einem Probealarm um! Vielleicht zerfetzen ihn sogar die Dobermänner?
Im Grunde genommen war Sammy aber harmlos, richtete nur begrenzten Schaden an und seine Gebilde aus Klopapierrollen störten mich nicht weiter – zumindest nicht bis zu jenem Dienstag im April, an dem wir uns während der Änderung des Sicherheits-Codes einen Computervirus einschleppten, der einen Stromausfall verursachte und unser Netzwerk zum Absturz brachte, was einen falschen Feueralarm auslöste – und schon waren wir voll im Einsatz. Unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen! Erst nach 20.30 Uhr verließ ich das Firmengelände und preschte mit meinem Dienstwagen, dem Pajero, das Donauufer entlang, Richtung Wiener Innenstadt. Wie immer zu dieser Zeit war die Straße schlecht beleuchtet und leer, und ich hatte Zeit nachzudenken, meist über Margit, die stocksauer in der Küche hocken und mich nicht einmal ignorieren würde, wenn ich heim kam und durch die Diele marschierte.
Eine halbe Stunde später sperrte ich die Wohnungstür auf, spähte nach Margit, bemerkte sie wie üblich in der Küche, warf den Autoschlüssel auf die Kommode und ging schnurstracks auf die Toilette. Dort sah ich es dann, unschuldig lag es auf dem Spülkasten, zwischen dem Duftspray und den Ölpflegetüchern, eines von Sammys Booten!
Ich hielt das Gebilde lange in der Hand, drehte es zwischen den Fingern herum und betrachtete es genau. Das Boot war nicht einmal so schlecht, mit etwas Fantasie konnte man sogar eine Sitzbank und die Einkerbungen der Ruder erkennen. Die neu eingelegte Klopapierrolle lief an der Wandseite hinunter! Was hatte ich auch anderes erwartet? Ein kurzer Blick ins Schlafzimmer überzeugte mich davon, dass das Fenster gekippt und das Bett mit frischen Laken überzogen war – alle Spuren beseitigt.
Hast du meditativ abgeschaltet, Sammy, und mit Margit Energie getankt, und sie ordentlich durchgefickt, bevor oder nachdem du dein Scheißboot gebastelt hast?
Ich zerknüllte die Klopapierrolle in der Faust, stopfte sie in die Hosentasche, nahm einen grünen Apfel aus der Schale im Vorraum, schlenderte in die Küche und lehnte mich an den Türstock.
»Schatz?«, fragte ich kauend. »Hattest du heute Besuch?«
Margit blickte erstaunt auf, versuchte zu lächeln und zupfte an den Bändern ihrer Schürze, gelbes Blumenmuster auf blauem Stoff. Ein Träger war über ihre Schulter gerutscht, blonde Strähnen hingen ihr wirr in die Stirn, und auf ihren Wangen ein roter Flush. Niedlich sah sie aus! Gar nicht so sauer wie sonst!
»Nein, warum? Wie kommst du darauf, Chris?«, murmelte sie, wandte sich ab und zerkleinerte bereits die nächste Zwiebel mit dem Küchenmesser. Tack, tack, tack.
»Nur so.« Ich zuckte mit den Achseln. »Ich dachte, jemand vom Arbeitsinspektorat käme heute noch vorbei, er wollte sich mit mir persönlich unterhalten«, log ich.
»Aha«, antwortete sie. Tack, tack, tack. Das Messer klapperte im Eiltempo auf und nieder.
»Ein unangenehmer Zwischenfall im Büro«, fügte ich hinzu und verließ die Küche.
»Aha«, hörte ich ihren Kommentar. Dann schrillte das Telefon in der Diele.
»Das ist für mich!«, rief sie, knallte das Messer auf den Küchentisch und lief in den Vorraum, doch meine Hand war schneller auf dem Telefonhörer.
»Das wird wahrscheinlich der Arbeitsinspektor sein«, log ich erneut und hob den Hörer von der Gabel.
»Hallo?« Ich biss vom Apfel ab. In der Muschel war nur statisches Knistern und der Atem eines Mannes zu hören, eine Sekunde später war die Leitung tot. Sammy, du miese Ratte, dachte ich. Du vögelst nicht nur meine Frau, sondern hast auch noch die Nerven, anschließend hier anzurufen! Stammte der Computervirus eigentlich von dir? Dann sprach ich mit der toten Leitung: »Kein Problem, wenn Sie heute Abend nicht mehr kommen können. Entweder sehen wir uns morgen oder ...« Ich machte eine Pause und nickte. Das Freizeichen in der Leitung irritierte mich, doch konnte Margit es unmöglich hören – sie stand zu weit entfernt.
»... natürlich, wenn Sie wollen, können wir auch jetzt darüber sprechen. Durch die Geschäftsleitung wissen Sie bereits Bescheid, dass wir einen Fall von Geschlechtskrankheit in unserer Abteilung haben. Wir möchten die offene Konfrontation mit Herrn Samuel vermeiden, denn falls das publik würde, könnte es dem Ruf der Firma erheblich schaden, aber es ist nun einmal so, dass ...« Kurze Pause, ich zuckte mit den Achseln. »Ja, er ist HIV-positiv und die Krankheit ist, sofern wir uns auf die Betriebsärztin verlassen können, vor zwei Monaten akut geworden, sein Immunsystem ist bereits angegriffen.«
Lange Pause, ich hielt den Kopf schief und legte die Stirn in Falten, als lauschte ich; in Wahrheit dachte ich nach. Dann murmelte ich kauend: »Ja, seine Blutproben von der Vorsorgeuntersuchung wurden zweimal ins AKH geschickt, zur Kontrolle, beide positiv.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nein, selbstverständlich weiß er noch nichts davon.«
Was war ich doch für ein Scheißkerl! Ich führte noch eine Weile Selbstgespräche über Kündigungsfristen, Abfertigungs- und Urlaubsansprüche, das sofortige Freistellen vom Arbeitsplatz und unseren Kontakt zum Rechtsanwalt, der uns bei einer eventuellen Klage der Gewerkschaft und des Arbeitsgerichts vertreten würde, dann legte ich auf und warf den abgenagten Rest des Apfels in den Mülleimer.
Meine Hände waren eiskalt, mein Gaumen trocken und mein Herz raste wie wild, doch das bemerkte Margit nicht. Sie stand neben dem Küchentisch, die Hände hinter der Küchenschürze versteckt, das Gesicht so weiß wie die Wandfliesen. Neben ihr stand eine Schüssel mit zerkleinerten Paprikas, Tomaten und Zwiebeln.
»Du hast einen Fall von AIDS in deiner Abteilung?«, fragte sie, ohne aufzusehen. Ihre Stimme klang so verstört, als hätte sie soeben von ihrem eigenen Tod erfahren.
»Mhm!« Ich nickte nur und beobachtete ihre Reaktion aus dem Augenwinkel. »So ein Kleiner.« Ich streckte die Hand in Schulterhöhe aus. »Er trainiert im Dojo und macht auf fernöstliche Meditation. Irgendwie sind wir sogar über fünf Ecken miteinander verwandt, du hast ihn einmal kurz bei unserer Hochzeit kennen gelernt, aber wahrscheinlich kannst du dich nicht mehr an ihn erinnern.«
Ich beobachtete ihre Augen, doch sie reagierte nicht. Teilnahmslos starrte sie zu Boden.
»Und letztes Jahr hast du Sammy vielleicht auf der Weihnachtsfeier von Deltacom gesehen«, fügte ich hinzu.
Bei seinem Namen zuckte sie für einen Moment zusammen.
Die Weihnachtsfeier! Scheiße, das war’s!
»Eigentlich darf ich nicht darüber sprechen, weil wir uns das Problem mit einer unsauberen Lösung von Hals schaffen.«
»Drecksarbeit, meinst du!«, schnappte sie bissig.
»Was?« Neugierig legte ich den Kopf schief.
»So wie du der Firma auch sonst alle Probleme vom Hals schaffst, du hinterhältiger Mistkerl!«, zischte sie. Ihre Augen glänzten im Licht der Neonröhre. Rührten sie von ihrem Zorn oder lediglich vom scharfen Geruch der Zwiebeln?
»Das ist eben mein Job, dafür werde ich bezahlt! Besser, du weißt nichts darüber«, sagte ich.
»Er ist dein eigener Cousin, nicht wahr?«
Genau! Mein eigener Cousin! Niemand vögelt meine Frau! Niemand! Und dann muss es ausgerechnet diese miese Ratte sein!
»Irgendwann einmal musste es ja so kommen«, murrte ich. »Der kleine Sammy vögelt alles, was sich bewegt, und hängt seinen Schwanz sogar in den Arsch eines ...«
»Hör auf!«, kreischte sie.
»Tut mir Leid!« Ich zuckte mit den Achseln und ging einen Schritt auf sie zu. Dann umarmte ich sie an den Hüften, zog sie näher zu mir heran und wollte sie küssen, doch sie wandte ihren Kopf zur Seite. Volltreffer! Hast du Angst, du könntest mich anstecken? Nicht nur, dass wir seit gut drei Monaten nicht mehr miteinander schlafen, jetzt darf ich dich nicht einmal mehr berühren?
»Was ist?« Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch.
»Nicht jetzt! Ich rieche nach Zwiebeln.« Sie wand sich aus meiner Umarmung.
»Vielleicht später«, brummte ich und verließ die Küche. Im Vorraum griff ich nach meiner Jacke und dem Autoschlüssel des Pajeros.
»Wo fährst du hin?«
»Mit Iko und Kriga auf ein Bier.« Ich verließ die Wohnung.
Als ich gegen 2.00 Uhr nachts nach Hause kam, lag die Wohnung im Dunkeln. Ich knipste die Deckenlampe im Vorraum an, von wo das Licht durch den Türspalt ins Schlafzimmer fiel. Sie lag auf dem Bett, in einem schwarzen Negligé mit hauchdünnen Trägern und schlief. Die blonden Strähnen in der Stirn und auf ihrer nackten Schulter. Margits Wangen so bleich wie zuvor, als ich sie verlassen hatte – keine Spur mehr von dem roten Flush. Niedlich sah sie aus! Die Küchenschürze hing an der Türklinke, gelbes Blumenmuster auf blauem Stoff. Auf dem Nachtkästchen lag eine geöffnete Packung Schlaftabletten. Veronal-Barbital, 0,5 Gramm, die mittlere Dosis. Ich drehte die Schachtel zwischen den Fingern, bis die Kunststofffolie knackte. Ich spähte hinein, die kleinen, grauen Vertiefungen waren leer, ausgedrückt. Sterben oder darüber reden, es ist deine eigene Entscheidung!
»Schlaf schön, meine Kleine«, flüsterte ich leise und schlich wieder aus dem Schlafzimmer, um sie nicht zu wecken. Danach nahm ich eine Flasche Tequila aus dem Kühlschrank, trat auf den Balkon und setzte mich in meinen Korbsessel, die Beine übereinander geschlagen, den Kopf an die Mauer gelehnt. Unter meinem Gewicht knackte das Rattan, dann wurde es unheimlich still. Nur wenige Wolken verdunkelten den Mond, der wie eine matte Scheibe über den Baumkronen hing. Die Nacht war scheißkalt, ungewöhnlich für April. Ich zog die Jacke enger, spürte die Kälte der Flasche, nippte daran.
Bis in die Morgenstunden würde ich warten, vermutlich noch eine zweite Flasche leeren, diesmal vielleicht Bacardi. Eines durfte ich nicht vergessen: meine Fingerabdrücke von der Medikamentenschachtel zu wischen, erst danach würde ich den Notarzt anrufen. Vielleicht würde uns bis dahin eine Lösung für Cousin Sammy einfallen, diese miese kleine Ratte. Iko und Kriga waren ziemlich raffiniert, zumindest hatten sie originellere Ideen als ich.


:: Zurück zur Übersicht

:: Noch eine Leseprobe




© Copyright siehe Impressum  
 
»zurück  »nach oben  »vor  »drucken

Pagerank PageRank • Realisierung »dieTextorin«Impressum